Lebst du noch oder bloggst du schon?

Verfasst von: Adina K. Haubner, BA
Das Weblog als modernes Tagebuch
Das Weblog als modernes Tagebuch  Bild: pixabay.com
Durch den Lauf der Kulturgeschichte hindurch zur heutigen Zeit des digitalen, seelischen Exhibitionismus, wo jeder leichtfertig sein Innerstes bloßlegt, hat das Tagebuch aktuell nur noch sehr wenig mit seiner ursprünglichen Ausgangsform zu tun. Das Tagebuch wie man es heute kennt, geht auf das 18 Jhd. zurück und seit jeher ist das Führen eines solchen etwas überaus Persönliches und Privates gewesen.

Dem ist nicht mehr so, seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, als das Online-Tagebuch begann die Überholspur für sich zu beanspruchen und an dem althergebrachten, gebundenen Büchlein mit Vorhängeschloss vorbeizog. Die Motivationen für das Schreiben eines Tagebuches sind sehr verschieden. Es ist eine Art und Weise Probleme zu bewältigen, den Alltag zu verarbeiten, Schnappschüsse der eigenen Gedankenwelt festzuhalten, wie Fotos in einem Album, um Jahre später diese Momente erneut erleben zu können. Vielleicht macht man es auch einfach um des Schreibens willen, aus Spaß an der Freude oder wie Rüdiger Görner es einst formulierte: „Wer Tagebuch schreibt, möchte dem Flugsand der Zeit etwas Greifbares abgewinnen.“

Doch nicht nur Erlebnisse des eigenen Alltags sind Dinge, die in Tagebüchern thematisiert werden. Für Wissenschaftler sind sogenannte Journale, wissenschaftlich orientierte Tagebücher, eine Selbstverständlichkeit und ein fixer Bestandteil ihrer Forschungen. Ob in der eigenen Handschrift, fein säuberlich mit Füllfeder oder Kugelschreiber, in einem kleinen, haptisch greifbaren Buch oder in digitaler Form auf unserem PC; Tagebücher haben eine lange Tradition. Ebenso lange ist die Tradition den Inhalt nicht mit anderen zu teilen. Sie wurden im untersten Winkel der Sockenkommode oder gar unter der Matratze umsichtig versteckt. Dieser Instinkt, das Niedergeschriebene vor der Außenwelt zu schützen, hat wohl mehrere Ursprünge.

Zum einen enthalten jene Seiten die unverfälschte, ungeschönte Meinung und die Gedanken des Verfassers zu Situationen und Personen seines täglichen Lebens. Somit Äußerungen die potenziell eher wenig gesellschaftsfähig sind und nicht ohne Grund verschwiegen oder anders ausgedrückt werden. Zum anderen vermittelt es ein sehr authentisches Bild des Autors, was, wenn man nur für sich selbst und nicht für andere schreibt, ganz von selbst passiert. Und wer hat schon Lust sich für seine Gedanken zu rechtfertigen? Heute ist das ganz anders. Die Privatsphäre wird nicht mehr so wichtig genommen, das eigene Gedankengut nicht mehr so penibel vor fremden Augen geschützt und das kleine Schloss wird bereitwillig für jeglichen Interessenten entsperrt.

Kultur ist ein sich stetig wandelnder Bestandteil des menschlichen Seins, in dessen ständiger Weiterentwicklung es nur natürlich ist, dass sich mancher Komponenten entledigt wird und andere neu erworben werden. Doch das Tagebuch hatte Bestand und lediglich seine Form der Darstellung war einer gewissen Metamorphose unterworfen. Mit dem World Wide Web auf dem Vormarsch machte auch es den Sprung in die digitale Welt. Seit Ende des 20. Jahrhunderts erfreuen sich Weblogs tagtäglich größerer Beliebtheit. Das Wort Weblog setzt sich zusammen aus den Begriffen „World Wide Web“ und „Logbuch“, wird jedoch umgangssprachlich unter seiner Abbreviation „Blog“ samt dem Artikel „das“ verwendet.

Den Formen und Arten eines Blogs scheinen keine Grenzen gesetzt. Es gibt Personal Blogs, welche tatsächlich in tagebuchähnlicher Manier verfasst sind und sich mit dem Privatleben und persönlichen Angelegenheiten des jeweiligen Verfassers auseinandersetzen. Deutlichster Unterschied zum früheren Tagebuch, ist hier der explizite Wunsch, dass Geschriebenes auch von anderen gelesen werden soll, um Responses zu generieren und Feedback zu akquirieren. Die Perspektive eines Außenstehenden, der mit Einblicken aufwarten kann, die vertrauten Personen, welche zu nahe an der tatsächlichen Situation dran sind, verborgen bleiben und der Rat von Fremden somit zu etwas unschätzbar Wertvollem gemacht wird, ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch sollte man hier entsprechende Vorsicht walten lassen.

Denn zu leicht lässt es sich, in der Ära der Social Medias, wo dreihundert unserer vierhundert Freunde Leute sind, die wir noch nie getroffen haben, vergessen, dass diejenigen, welche so locker und intim unsere Probleme kommentieren, nichtsdestotrotz Fremde sind. Noch beliebter als die Personal Blogs sind Food-, Foto-, Lifestyle- und DIY-Blogs, also die sogenannten Kreativ-Blogs. Bunte Fotos, knackige Ideen für neue Rezepte, stylische Outfits und innovative Bastelanleitungen zum Selbermachen; es ist für jeden Geschmack etwas Passendes dabei. Auch die Befüllung und Wartung des Blogs ist heutzutage ein Kinderspiel. Fundierte Computer- oder gar Programmierkenntnisse sind schon längst nicht mehr vonnöten, um in der Bloggerszene an der Spitze mit dabei zu sein.

Wenngleich bloggen oft als ein simples Hobby beginnt, so bleibt es oft nicht dabei. Nicht selten sind Blogs nur der Einstieg in eine Materie, die sich bald als gewinnbringende Geschäftsidee erweist und sich dank der großen Resonanz, bereits im Vorfeld einer gewissen Bekanntheit erfreut. Was selbstredend den schwierigen Anfang um einiges leichter macht. Denn wenn Blogs eines sind, dann ein ideales Forum, um etwas auszuprobieren und dessen möglichen Erfolg zu erproben. Der andere Weg mit seinem Blog einen finanziellen Gewinn zu erzielen, ist via Partnerprogramme oder Affiliate-Partner, Bannerwerbung und Advertorials. Der tatsächliche Gewinn hängt jedoch selbstverständlich von der Beliebtheit des Blogs und der Häufigkeit der Klicks ab.

Gerade im Zeitalter der Sozialen Medien darf, neben dem spaßigen Bloggen, der Zurschaustellung des Selbst sowie der eigenen Ideen und des Nebenerwerbs durch Werbeeinschaltungen, nicht ein ganz anderer, wesentlicher Aspekt vergessen werden, den das Bloggen ebenfalls mit sich bringt. Nämlich politischen Einfluss und somit tatsächliche Macht Geschehnisse zu beeinflussen. Nicht umsonst werden die Blogger immer wieder als „Die fünfte Macht im Staat“ bezeichnet, die, neben Exekutive, Legislative, Judikative und den Medien, maßgeblich an der Formung der Welt, aber vor allem, an der Perzeption von Wirklichkeit, verantwortlich sind.

Besonders in Ländern wo es mit der Pressefreiheit nicht weit her ist, ist das potenzielle Auditorium viel größer und das Gehör, welches sich verschafft werden kann, viel profunder. Die fünfte Gewalt ist demnach unter mehreren Gesichtspunkten mit Vorsicht zu genießen. Denn selbst wenn Blogger sich der Aufgabe der annehmen das Volk zu informieren, so sind sie nicht ohne Weiteres mit einer funktionierenden, integren Presse gleichzusetzen, welcher, im Geiste hochwertiger Berichterstattung, schwere juristische Regeln der Ethik, der qualitativen Recherche und des Urheberrechtes auflasten, von denen sich die Bloggerszene kaum betroffen fühlt.